Elshan Ghasimi: Reinterpretation des Radīf | Dastgāh-e Chahārgāh
Version in Leichter Sprache lesen ↓
Weltpremiere: Elshan Ghasimi setzt mit Dastgāh-e Chahārgāh die systematische Reinterpretation des Radīf fort – sechs Konzerte im TA T.
Mit Dastgāh-e Chahārgāh setzt die Komponistin und Tar-Virtuosin Elshan Ghasimi im Herbst 2026 ihren mehrjährigen Werkzyklus Die Reinterpretation des Radīf fort. Darin widmet sie sich dem gesamten Radīf – dem mündlich überlieferten Kanon, Gedächtnis und musikalischen Erbe der persischen Musik. Als erste Frau unternimmt sie dabei die systematische Reinterpretation aller zwölf Teilsysteme; jedes wird vollständig zum Ausgangspunkt eines eigenständigen zeitgenössischen Werkes. Der Zyklus erschließt eine in Europa noch weitgehend unbekannte Klangdimension der klassischen persischen Musik. Dastgāh-eChahārgāh wird am 9. Oktober im TA T uraufgeführt; fünf weitere Konzerte folgen bis zum 5. Dezember.
Das erste Kapitel, Dastgāh-e Shur, wurde am 10. November 2022 in der Basilika des Bode-Museums erstaufgeführt, damals in Kooperation mit dem Museum für Islamische Kunst. Seitdem präsentierte Ghasimi ihre Arbeit am Radīf europaweit, unter anderem bei der WOMEX 2023 in A Coruña. Ausgebildet am Teheraner Musikkonservatorium, lernte Ghasimi in Teheran und Aserbaidschan unterschiedliche Radīf-Traditionen kennen. 2016 kam sie nach Deutschland. Als Frau hatte sie im Iran nicht öffentlich als Solokünstlerin arbeiten können. Erst in Deutschland entstanden die künstlerischen Freiräume und institutionellen Bedingungen, unter denen sie das langfristige Vorhaben entwickeln konnte.
Nach den Massakern im Iran im Januar 2026 und dem folgenden Krieg gewinnt die Weitergabe dieses kulturellen Gedächtnisses eine zusätzliche Dringlichkeit. Als kulturelle Botschafterin der persischen Musikkultur vermittelt Ghasimi ein komplexeres und differenzierteres Bild des Iran – eines Landes mit jahrtausendealten kulturellen Traditionen, das sich nicht auf Regime, Repression und Krieg reduzieren lässt, sondern über diese hinausweist.
Konzerttermine
Anmeldung über Eventbrite (Eintritt frei!)
Freitag, 9. Oktober — 19 Uhr
WELTPREMIERE
Samstag, 10. Oktober — 16 Uhr
Anschließend Gespräch mit Mahmoud Hosseini Zad (bis ca. 19 Uhr, siehe unten „Gespräche“)
Freitag, 30. Oktober — 19 Uhr
Samstag, 31. Oktober — 16 Uhr
Anschließend Gespräch mit Mona Mirkamali (bis ca. 19 Uhr)
Freitag, 4. Dezember — 19 Uhr
Samstag, 5. Dezember — 16 Uhr
Anschließend Gespräch mit Nahid Siamdoust (bis ca. 19 Uhr)
Konzertdauer: Ca eine Stunde.
Der Radīf
Der Radīf – wörtlich „Reihe“ oder „Ordnung“ – besteht aus mehr als 300 melodischen Modellen, den Gushehs, die in zwölf modale Teilsysteme, die Dastgāhs und Āvāz geordnet sind. Er ist weder Komposition noch festgeschriebene Partitur, sondern eine musikalische Grammatik, die mündlich weitergegeben und hörend, spielend und erinnernd verinnerlicht wird. In jeder Aufführung verbinden sich Gedächtnis, Interpretation, Komposition und Improvisation neu. Seit 2009 steht der Radīf auf der UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit.
Ghasimis Ausgangspunkt sind unterschiedliche Fassungen des Radīf, insbesondere die kanonische Überlieferung von Mīrzā Abdollāh. Anders als bei einer traditionellen Radīf-Aufführung folgt sie nicht einer einzelnen Fassung, sondern setzt verschiedene Versionen zueinander in Beziehung. Sämtliche Gushehs des jeweiligen Teilsystems bleiben Ausgangspunkt ihrer Arbeit. Sie fügt dem Radīf nicht einfach neue Melodien hinzu: Im Zusammenspiel von Komposition und Improvisation gestaltet sie Übergänge, zeitliche Verhältnisse und innere Spannungen neu. So macht sie die innere Ordnung des Radīf hörbar und bringt sie zugleich in Bewegung.
Das zweite Kapitel gilt dem Teilsystem Dastgāh-e Chahārgāh. Seine musikalische Identität entsteht nicht allein aus einem bestimmten Tonvorrat, sondern aus mikrotonalen Nuancen, zentralen Bezugstönen und charakteristischen melodischen Bewegungen. Nach Shur bedeutet Chahārgāh eine bewusste Vertiefung des Vorhabens: ein konzentriertes Hören auf Wiederkehr, Übergang und Verwandlung.
Elshan Ghasimi im TA T
Im frühklassizistischen Rundbau des Tieranatomischen Theaters erhält diese Arbeit einen besonderen Resonanzraum. Auch der von Carl Gotthard Langhans entworfene Bau ist das Ergebnis einer Reinterpretation: Er verbindet antike Vorbilder des Rundtempels und Amphitheaters zu einer neuen Wissensarchitektur. Für die veterinäranatomische Lehre errichtet, organisiert seine Architektur Körper und verteilt Aufmerksamkeit: Wer spricht, wer hört zu und von wo aus? Gebäude und Werk führen damit auf je eigene Weise überlieferte Ordnungen in eine neue Gegenwart.
Im Jahr 2026 widmet sich das kuratorische Programm des TA T dem Zuhören in und mit dieser Architektur. Im Mittelpunkt steht zudem das kulturelle Erbe als lebendige Praxis, die von den Gemeinschaften, die sich mit ihm auseinandersetzen, fortwährend neu geschaffen wird. Ghasimis Neuinterpretation des Radīf tritt mit diesen Fragestellungen in einen Dialog und bringt eine weitere Praxis des Zuhörens, der Weitergabe und der Neuinterpretation in den historischen Hörsaal. Das TA T präsentierte Elshan Ghasimis Arbeit erstmals beim Tag des offenen Denkmals 2025, kuratiert von Lilli Maxine Ebert. Die Zusammenarbeit wird 2026 mit Dastgāh-e Chahārgāh fortgesetzt

Gespräche
Der Kurator des Radīf-Projekts, Julian Malte Hatem Schindele und die TA T Kurator*innen Felix Sattler und Paz Ponce haben ein dreiteiliges Gesprächsprogramm mit Gästen, das die Samstagskonzerte begleitet, entwickelt.
10. Oktober — Der Schriftsteller und Übersetzer Mahmoud Hosseini Zad spricht unter dem Titel Übersetzen heißt Erinnern über Literatur, kulturelle Vermittlung und die wechselseitigen Bilder Deutschlands und des Iran.
31. Oktober — Die Musikwissenschaftlerin und Radīf-Expertin Mona Mirkamali erläutert, wie musikalisches Wissen überliefert, kanonisiert und neu interpretiert wird.
5. Dezember — Die Medien- und Nahostwissenschaftlerin Nahid Siamdoust richtet den Blick auf Musik, politische Öffentlichkeit und Popkultur im Iran – von Baraye und Woman, Life, Freedom bis zu den heutigen repressiven Bedingungen Die Gespräche wenden sich ausdrücklich an ein Publikum ohne Vorkenntnisse.
Die Gespräche richten sich an ein Publikum ohne Vorkenntnisse und finden im Anschluss an die Samstagsaufführungen nach einer etwa 30-minütigen Pause statt. Moderiert werden sie von Julian Malte Hatem Schindele (Bublitz), Felix Sattler (Leitender Kurator TA T) und Paz Ponce (Kuratorin für Outreach und öffentliche Programme des TA T).
Dauer der Gespräche: Ca. eine Stunde.
Mitwirkende
ELSHAN GHASIMI
„In her playing […] every phrase is invested with deep thought and grave authority.“
— Michael Church, Musics Lost and Found
Elshan Ghasimi (1981 in Isfahan, Iran) ist Virtuosin der persischen Langhalslauten Tar, Setar und Robab sowie der Dayere und Expertin für persische Kunstmusik. Sie ist eine vielseitige Künstlerin, Komponistin, innovative Performerin und engagierte Pädagogin, deren Werk die Schnittstellen zwischen Tradition und Moderne, Ost und West sowie Musik und anderen künstlerischen Disziplinen erforscht.
Tief verwurzelt im Radīf, dem Repertoire des persischen musikalischen Erbes, hat Ghasimi viele Jahre dessen Beherrschung gewidmet und treibt heute seine Neuinterpretation im zeitgenössischen künstlerischen Kontext voran. Im Alter von 17 Jahren wurde sie das jüngste Mitglied des iranischen Nationalorchesters, womit der Beginn ihrer Karriere markiert wurde. Seit 2016 lebt sie in Deutschland, wo sie weiterhin als Solistin auftritt, komponiert und mit renommierten Ensembles wie Concerto Köln musiziert. Ihr Werk verbindet das persische musikalische Erbe mit vielfältigen Musikgenres – darunter zeitgenössische klassische Musik, Jazz, experimentelle Musik und Alte Musik.
GESPRÄCHSGÄSTE
Mahmoud Hosseini Zad (*1946 in Firuzkuh, Iran) ist Schriftsteller und Übersetzer deutschsprachiger Gegenwartsliteratur ins Persische. Er übersetzte unter anderem Werke von Bertolt Brecht, Friedrich Dürrenmatt, Judith Hermann, Ingo Schulze, Uwe Timm und Peter Stamm und erhielt 2013 die Goethe-Medaille.
Mona Mirkamali ist Musikwissenschaftlerin und Radīf-Expertin. Ihre Forschung gilt der mündlichen Überlieferung musikalischen Wissens sowie den Veränderungen der persischen Musik durch Medialisierung und Standardisierung.
Nahid Siamdoust ist Medien- und Nahostwissenschaftlerin an der University of Texas at Austin und 2026 Humboldt-Fellow in Berlin. Sie ist Autorin von Soundtrack of the Revolution: The Politics of Music in Iran und forscht zu iranischer Musik, Medien, Öffentlichkeit und Politik.
KURATOR
Julian Malte Hatem Schindele ist Künstler, Kurator, Kunsthistoriker und Gründer von Bublitz. Im Zentrum seiner Arbeit stehen langfristige künstlerische Kooperationen, Erinnerungskulturen und die Verbindung unterschiedlicher Kunst- und Wissensformen. Er kuratiert Die Reinterpretation des Radīf.
Impressum
Eine Kooperation von Bublitz und TA T.
Bublitz:
Kurator: Julian Malte Hatem Schindele (Bublitz)
Grafikdesign: Masoud Morgan
Bublitz ist eine 2011 gegründete kuratorische Plattform für Ausstellungen, Publikationen, Musik- und Gesprächsprojekte. Im Zentrum stehen langfristige Kooperationen mit Künstlerinnen und Künstlern sowie die Verbindung unterschiedlicher Kunstformen und Wissensfelder. Bublitz begleitet Elshan Ghasimis Arbeit seit 2016.
TA T:
Leitender: Felix Sattler
Kuratorin für Vermittlung & Outreach: Paz Ponce
Projektmanagement: Antonia Willisch
Produktion: Fanny Welz
Kommunikation: Frederike Jaedicke-Nolte
Förderer, Partner und beteiligte Institutionen
Temporal Communities; Goethe-Institut; Ethnologisches Museum und Museum für Asiatische Kunst – Staatliche Museen zu Berlin; Freie Universität Berlin; Katholische Akademie in Berlin e. V.
Gefördert durch die Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt
Die Beteiligung von Mona Mirkamali wird unterstützt durch: Zentrum für Kulturtechnik (ZfK), Humboldt-Universität zu Berlin

Version in Leichter Sprache
Elshan Ghasimi: Reinterpretation of the Radīf
Musik aus dem Iran im TA T
Elshan Ghasimi ist Komponistin und Musikerin.
Sie spielt die Tar.
Die Tar ist ein traditionelles Saiten-Instrument aus Persien.
Im TA T gibt Elshan Ghasimi sechs Konzerte.
Die Konzerte gehören zu ihrem langfristigen Projekt:
Die Reinterpretation des Radīf.
Was ist der Radīf?
Der Radīf ist ein wichtiger Teil der persischen Musik.
Er besteht aus mehr als 300 Melodien.
Der Radīf ist kein festes Musik-Stück.
Musiker*innen lernen ihn durch:
- Zuhören
- Spielen
- Erinnern
Beim Spielen können sie die Musik neu gestalten und verändern.
Seit 2009 gehört der Radīf zum
immateriellen Kulturerbe der UNESCO.
Elshan Ghasimis Projekt
Elshan Ghasimi entwickelt neue Musik auf der Grundlage des Radīf.
Sie arbeitet mit allen zwölf musikalischen Systemen des Radīf.
Jedes System wird zur Grundlage für ein neues Musik-Stück.
Sie arbeitet mit verschiedenen Fassungen des Radīf.
Sie bringt diese Fassungen zusammen.
Sie verbindet Komposition und Improvisation.
So kann die traditionelle Musik neu gehört werden.
Im Jahr 2026 präsentiert sie den zweiten Teil ihres Projekts:
Dastgāh-e Chahārgāh
Elshan Ghasimi und das TA T
Die Konzerte finden im historischen Hörsaal des TA T statt.
Die Konzerte bringen eine andere Art des Zuhörens in diesen historischen Raum.
Begleitende Gespräche
Nach drei Konzerten gibt es Gespräche.
Die Gespräche handeln von:
- Musik
- Kultur
- dem Leben im Iran
10. Oktober
Übersetzen heißt Erinnern
Der Schriftsteller und Übersetzer Mahmoud Hosseini Zad spricht über Literatur und Übersetzungen zwischen Iran und Deutschland.
31. Oktober
Mona Mirkamali*
Die Musikwissenschaftlerin Mona Mirkamali spricht darüber, wie musikalisches Wissen weitergegeben und verändert wird.
5. Dezember
Nahid Siamdoust>
Die Wissenschaftlerin Nahid Siamdoust spricht über Musik, Pop-Kultur und das öffentliche Leben im Iran.
Die Gespräche sind für alle.
Man muss nichts über persische Musik wissen.
Die Gespräche finden nach den Konzerten statt.
Dazwischen gibt es eine Pause von etwa 30 Minuten.


